Kategorien
Abstracts Blog

Faruk Bešić: Über die Bedeutung des Lyrischen im literarischen Erzählen über den Genozid von Srebrenica

Unser Autor Faruk Bešić wurde in Berlin geboren, seine Familie stammt aus Bosnien-Herzegowina. Er fokussiert sich in Anlehnung an seine akademische Ausbildung an die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, an das Erinnern als einen konstruktiven Prozess und inszeniert diese literarisch. In seinem Beitrag für Bosnien in Berlin wird er über die Bedeutung des Lyrischen im literarischen Erzählen über den Genozid von Srebrenica schreiben.

Unser Autor Faruk Bešić wurde in Berlin geboren, seine Familie stammt aus Bosnien-Herzegowina. Er fokussiert sich in Anlehnung an seine akademische Ausbildung an die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, an das Erinnern als einen konstruktiven Prozess und inszeniert diese literarisch. Faruk bereichert Bosnien in Berlin mit einem Essay und literarischen Kurzwerken. In seinem Essay schreibt er über die Bedeutung des Lyrischen im literarischen Erzählen über den Genozid von Srebrenica.

Bild: Treppenhaus Gardens of Villa Frere, Pietà. Aufnahme: Emina Haye, 2022.

Trauma is contagious, schreibt Judith Herman (1997) und hebt auf diese Weise die weitreichende (Nach-)Wirkung traumatischer Erfahrungen auf mittelbar und unmittelbar beteiligte Personen hervor. Spätestens in Folge der menschenverachtenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts geriet die Literatur in ein neues Verhältnis zu ihrer außerliterarischen Wirklichkeit. Zeugnis von diesem neuartigen Verhältnis legt die Vielzahl literarischer Autobiografien und Berichte dieser Zeit ab, Ist das ein Mensch? von Primo Levi oder das Anne Frank Tagebuch sind lediglich als prominenteste Vertreter zu nennen. Damit die Wahrheit der traumatischen Erfahrungen ans Licht gelangen kann, benötigen die Augenzeugen eine Zuhörerschaft. Diesem dialogischen Appell kommt die Literatur mit ihren fiktionalen Privilegien auf spezifische Weise nach und ermöglicht einen Vergangenheitsbezug jenseits des wissenschaftlich-historischen Diskurses.

Mein Essay, Über die Bedeutung des Lyrischen im literarischen Erzählen über den Genozid von Srebrenica, bedient sich ebendieser Privilegien und hebt hervor, inwiefern das kreative Moment, welches diesen Privilegien eigen ist, für einen gemeinsamen Erinnerungsprozess von Erzähler und Leser genutzt werden kann, um nicht nur dem dialogischen Appell nachzukommen, sondern diesen interaktiv zu transformieren. Dabei wird der Leser als aktiver Mitgestalter einer fremden Erinnerung inszeniert. In den literarischen Kurzwerken Srebrenica I, II, II und IV erzählt die Protagonistin aus ihrem Leben nach dem Krieg. Sie verliert in diesem Krieg nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihren Sohn und Ehemann, die wie weitere über 8000 muslimische Männer, exekutiert werden. Als eine Mutter von Srebrenica erzählt sie intim und lyrisch von ihrer Erinnerung, die sich zunächst einem Verständnis verweigert.  Die eigenwillige und fragmentarische Erzählweise befremdet den Leser zunächst, doch lädt gerade dieses Befremden dazu ein, an diesem kreativen Erinnerungsprozess nachträglich teilzunehmen und eine Erinnerungskomplizenschaft mit der Erzählerin einzugehen, indem die eigenwilligen sprachlichen Bilder den Leser zu einer inhaltlichen Sinnoptimierung provozieren und ihn herausfordern, Textkohärenz herzustellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.