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Sanija Kulenović: Das inbrünstige Flachland

Sanija studierte Kunstgeschichte und schrieb ihre Abschlussarbeit über die Kunst als Spurensicherung des Bosnien-Krieges. Später ging sie in ihren Performances, Workshops und Vorträgen  Fragen der Flucht, des Traumas, des kulturellen Erbes, der Identitäten und Erinnerungskulturen nach.

Sanija studierte Kunstgeschichte und schrieb ihre Abschlussarbeit über die Kunst als Spurensicherung des Bosnienkrieges. Später ging sie in ihren Performances, Workshops und Vorträgen Fragen der Flucht, des Traumas, des kulturellen Erbes, der Identitäten und Erinnerungskulturen nach.

Foto: Luftbild der Save-Mäander an der kroatisch-bosnischen Grenze. Quelle: Julian Nyča – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69174888

Die Protagonistin in Sanijas literarischem Beitrag ist eine Gastarbeitertochter. Sie verlässt im Alter von fünf Jahren Berlin und wächst bei Pflegeeltern in Bosnien auf. Zehn Jahre später kehrt sie als unbegleitete Minderjährige schutzsuchend vor den dortigen Kriegswirren nach Berlin zurück.

Sie führt uns in ihre Gedankenwelt ein, die von Erinnerungen durchtränkt ist. Auf der einen Seite das Berlin ihrer Kindheit in den späten Siebzigern: eine geteilte Stadt, in der sie aber eine heile Zeit des Heranwachsens erlebt. Sie hat Eltern und eine deutsch-jüdische Freundin der Familie, die unserer Heldin das Lesen beibringt, während sie gemeinsam Gedenktafeln vor einem Miethaus in Friedenau reinigen.

Auf der anderen Seite das „inbrünstige Flachland“ um den Fluss Save in Nordbosnien, wo die Erzählerin ihre Kindheit fortsetzt. „Die Menschen dort ziehen die Selbstlaute außergewöhnlich lang. Kein Wunder! Was soll sie auch aufhalten? Kein Hügel, kein Berg, nur endlose urbare Fläche, Freiheit, soweit das Auge reicht, für beleibte, rollende Vokale.

Die Jugend als patriotische Pionierin Titos findet ihren dramatischen Wendepunkt in den Neunzigern. Die Kriegserlebnisse werden nur subtil umrissen. Im Zentrum steht das innere Erleben der Heldin, das die Fragmente einer zersplitterten Biographie ineinander verwebt und ihre beiden Identitäten als gebürtige Berlinerin und als Geflüchtete in eine fluide Einheit bringt. Dabei verschränken sich die wiederkehrenden Thematiken von geteilten Gesellschaften (Deutschland vor dem Mauerfall, Jugoslawien nach dem Zerfall) und ihren verschiedenen Erinnerungskulturen im Schicksal der Heldin.

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