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Ungerechtigkeit und ihre Leugnung: Gedanken zum Tag der Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas

Wir freuen uns sehr, dass Aldina Topčagić kürzlich unserem Buch -und Blogprojekt Bosnien in Berlin beigetreten ist. Heute bloggt sie anlässlich das Tages der bosnisch-herzegowinischen Unabhängigkeit einen Beitrag, der ihre eigenen Positionen wiedergibt. Der Text „Ungerechtigkeit und die Leugnung eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ wurde erstmals am 1. März 2022 anlässlich des 30. Jahrestages der Unabhängigkeit Bosnien und Herzegowinas im Rahmen des Projekts „EU: Together for BiH!“ im Europäischen Parlament in Brüssel veröffentlicht. Das Projekt wurde von Aldina Topčagić initiiert und produziert. Sie verfasste den Text selbst und trug ihn während der Veranstaltung persönlich vor.

Aldina Topčagić ist Künstlerin des zeitgenössischen Tanzes, Produzentin und Vorsitzende des Kulturvereins Art Alive. Als gebürtige Bosnierin, die den Krieg erlebt hat, als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam und heute österreichische Ehrenstaatsbürgerin für besondere kulturelle Leistungen ist, steht ihre Biografie für eine persönliche Transformationsgeschichte im europäischen Raum –  geprägt von Resilienz, Bildung, kulturellem Austausch und gesellschaftlicher Teilhabe.  

Diese Erfahrungen fließen bewusst in ihre künstlerische und gesellschaftliche Arbeit ein. Auf internationaler Ebene setzt sie sich für Erinnerungskultur und die Sichtbarkeit Bosnien und Herzegowinas im europäischen Diskurs ein. Auf regionaler Ebene arbeitet sie mit der lokalen Gemeinschaft in Sarajevo zusammen und initiiert kulturelle Projekte, die persönliches Wachstum, künstlerischen Ausdruck und neue Perspektiven fördern.

Die folgenden Absätze sind der Text der Autorin.

Ungerechtigkeit und die Leugnung eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit

Zum Gedenken und zur Ehrung meines Volkes möchte ich die Geschichte jener Ungerechtigkeit teilen, die den bosnischen Muslimen während des verheerendsten Konflikts in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.

Ich wurde in Bosnien und Herzegowina geboren. Es war eine der sechs gleichberechtigten Republiken der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, bis es im März 1992 seine Unabhängigkeit erlangte. Nach der internationalen Anerkennung als unabhängiger Staat wurde Bosnien militärisch angegriffen – im Zuge der Bestrebung der serbischen Führung, ein „Großserbien“ zu errichten, begleitet von einer systematischen Politik der ethnischen Säuberung gegenüber bosnischen Muslimen.

Es war Frühling. Ich war vier Jahre alt, als ich mein Zuhause und meine unbeschwerte Kindheit verlor. Statt mit Spielzeug zu spielen, versteckte ich mich mit meiner Familie in Kellern vor Bomben.

In den darauffolgenden Jahren war ich gezwungen, in fünf verschiedenen Städten zu leben. Ich war entwurzelt. Ich war eines von rund zwei Millionen vertriebenen Menschen.

Nach Angaben des bosnischen Innenministeriums wurden etwa 50.000 Frauen vergewaltigt. Rund 200.000 Menschen wurden in Konzentrationslagern gefoltert. Diejenigen, die überlebt haben, versuchen heute, ein normales Leben zu führen. Sie versuchen, den Duft des bosnischen Morgenkaffees zu genießen, während Hunderttausenden Frauen, Männern und Kindern für immer die Möglichkeit genommen wurde, ihn je wieder zu riechen.

Viele derer, die dies verursacht haben, leben noch – und sind frei.

Am 11. Juli 1995 ereignete sich das schlimmste Massaker in Europa seit der NS-Zeit: der Genozid von Srebrenica. Von den Vereinten Nationen entsandte Soldaten schützten die bosnischen Muslime nicht.

Die Welt schaute zu. Die Welt schwieg.

Ich spreche hier vom 20. Jahrhundert im Südosten Europas. Ich spreche hier von der Organisation, die für die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit verantwortlich ist. Dieselbe Organisation, die uns – die Menschen – schützen soll, tat es nicht.

Kurz nachdem die NATO erstmals militärische Gewalt gegen die serbische Armee einsetzte, endete der Krieg, und das Dayton-Friedensabkommen wurde geschlossen. 51 % des Landes gingen an die Föderation Bosnien und Herzegowina, 49 % an die Republika Srpska.

Die ethnische Gruppe, deren Kräfte den Genozid an den Bosniaken begingen und ihn bis heute leugnen, erhielt nahezu die Hälfte des Staatsgebiets. Der Aggressor wurde belohnt – und damit wurde der Genozid faktisch legitimiert. Meine Geburtsstadt Bosanski Novi ist eine jener Städte, die im Krieg eingenommen wurden. Meine Geburtsstadt – wie die von Hunderttausenden anderen Bürgerinnen und Bürgern – wurde uns schlicht genommen.

Ich – als Überlebende, als Geflüchtete, als Frau, als Mann, als Kind der Liebe, als Kind der Gewalt, als Freundin, als Künstlerin, als Soldatin, als bosnische Muslima, als Emigrantin, als Immigrantin, aber vor allem als besorgter Mensch – stelle die Systeme, in denen wir leben, in Frage. Denn: „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ – George Santayana

Wer eigene Fehler nicht anerkennt und die Wahrheit nicht anerkennen will, lernt nicht aus der Geschichte. Wer Verbrechen gegen die Menschlichkeit kontinuierlich leugnet, erzeugt neue Generationen, die von Hass geprägt sind. Die Folgen dieses Hasses finden wir in unserer Geschichte – vielleicht auch in unseren eigenen Familien.

Wie kann eine Nation, wie können Familien, wie können Individuen, die Unrecht erfahren haben, in die Zukunft gehen, solange sie noch im Vergangenen verstrickt sind? Solange sie noch auf Gerechtigkeit und Anerkennung warten? Wenn im Jahr 2022 noch immer Tausende Familien darauf warten, dass weitere Massengräber entdeckt werden, um die Gebeine ihrer Liebsten identifizieren zu können, während der Genozid von zu vielen serbischen Führungspersönlichkeiten weiterhin geleugnet wird?

Jede einzelne schwebende Träne eines vierjährigen Mädchens, das mit ansehen musste, wie ihr Großvater in einem Kriegsgefangenenlager festgehalten wurde, trägt einen Ozean an Wahrheit in sich. Diese Wahrheit kann nicht geleugnet werden.

Deshalb müssen unsere Geschichten erzählt werden. Unsere Geschichten müssen gehört werden. Meine Geschichte ist eine von vielen – aber sie steht für viele von uns. Für jene zum Schweigen gebrachten Blumen, die in den Wassern der Una treiben, und für jene, die auf dem Weg sind zu erblühen.

Wenn wir Zeuginnen und Zeugen von Ungerechtigkeit werden, können wir wählen – schweigen oder sprechen.

Ich habe meine Wahl getroffen.

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