Es gibt mehrere Gründe, die dafür sprechen, dass die multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Bosnienkrieg nach wie vor aktuell und für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist.

Einerseits ist es fraglich, ob die Geschehnisse des Bosnienkrieges umfassend aufgearbeitet wurden – was den Frieden in Südosteuropa weiterhin als zerbrechlich erscheinen lässt. Die Initiator:innen dieses Buchprojekts glauben, dass ein Bewusstsein für die weitreichenden Auswirkungen des Krieges, bis tief in persönliche Biografien hinein, eine grundlegende Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben ist. Selbst wenn dieses Buch den Krieg nicht „aufarbeiten“ kann, möchte es dennoch einen Beitrag dazu leisten.

Als Zweites beabsichtigen die Autor:innen, eine dokumentarische Sichtweise auf die Zeitgeschichte zu präsentieren. Diese ist besonders für Student:innen und jüngere Interessent:innen von Bedeutung, da sie ihnen Einblicke in einen historischen Kontext gewähren, den sie selbst nicht erlebt haben – weder direkt noch durch Medienberichterstattung. Während Geschichts- und Sachbücher die Ebene der überprüfbaren Fakten und Ereignisse darstellen, können die persönlichen Perspektiven dieses Projektes etwas anderes zeigen. Sie können aufzeigen, wie Lebenswege, Entscheidungen und Denkweisen noch über 30 Jahre nach Kriegsende von den damaligen Geschehnissen geprägt sind. Wenn der Krieg also nicht „aufgearbeitet“ ist, wird er doch immerhin verarbeitet.

Drittens stellen die Beiträge – über Sprach-, Generations- und Ländergrenzen hinweg – auch einen Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen dar. Begriffe wie „postmigrantisch“ oder „Kosmopolitisierung“ (Ulrich Beck) kennzeichnen die Wendung zu einer erweiterten Perspektive, die den „nationalen Container“ als zu eng ansieht, um gesellschaftliche Wirklichkeit angemessen abzubilden. Die Erzählungen und Narrative, die in Familien sowie an Schulen und Universitäten weitergegeben werden, gehören ebenfalls zu dieser Wirklichkeit und werden unter dem Begriff der deutschen Erinnerungskultur zusammengefasst. Eine Kosmopolisierung der postmigrantischen Gesellschaft muss auch für ihre Erinnerungskultur gelten.

[Coverbild: Emina Haye, Mostar 2018.]